Korken, Keller, Katalonien – Auf Sprudelreise bei Roger Goulart
Der Empfang: Zwischen Villa und Zeitreise
Oben erwartet mich ein ehrwürdiges Jugendstil-Gebäude, das aussieht wie die Kulisse eines Wes-Anderson-Films. Zypressen säumen die Einfahrt, ein gediegener Rosengarten streckt sich der Sonne entgegen. Ich werde freundlich begrüßt – auf Spanisch, Englisch, und, als ich mich als Weinreisender oute, sogar mit einem wissenden Nicken. Man kennt sie hier, die Weinverrückten.
„Wollen Sie zuerst in den Keller oder gleich probieren?“ – eine Fangfrage, wie sich herausstellt. Denn bei Roger Goulart beginnt alles unten. Also: Helm auf (nur sinnbildlich) und runter in den Stollen.
Unten wird’s ernst – aber angenehm kühl
Was auf den ersten Blick wie ein Weinkeller aussieht, ist in Wirklichkeit ein fast 30 Meter tiefes, 1,2 Kilometer langes Gewölbe, in dem Flasche an Flasche liegt. Eine Millionenstadt aus Cava, unterirdisch und klimastabil. Die Temperatur: konstante 14 Grad. Die Stimmung: andächtig. Der Geräuschpegel: Flaschenknacken – kein Witz, der Cava lebt hier weiter.
Ich frage den Kellermeister, ob er sich manchmal verirrt. „Nur wenn ich nichts trinke“, grinst er. Humor haben sie hier – vermutlich eine Nebenwirkung jahrelanger Flaschengärung.
Die Sache mit der Geduld – und dem Geschmack
Roger Goulart produziert ausschließlich nach der traditionellen Methode, also Flaschengärung mit Rütteln, Degorgieren und dem ganzen festlichen Drumherum. Der Unterschied: Man nimmt sich hier Zeit. Viel Zeit. Brut Nature mit 24 Monaten Hefelager ist hier Standard, bei den Gran Reservas geht’s eher Richtung drei bis vier Jahre.
Was das bringt? Komplexität. Feinperligkeit. Und Cava, der nicht einfach „auch prickelt“, sondern besser prickelt. Beim Tasting zeigt sich: Der Josep Valls Gran Reserva 2020 ist ein Meisterstück – Brioche, Apfelschale, etwas Mandarine und ein Finish wie ein Jazzakkord: trocken, elegant, unerwartet lang.
Roger, wer?

Fun Fact am Rande: Roger Goulart ist kein aktueller Kellermeister, sondern eine historische Figur – ein Unternehmer mit Schaumwein-Vision, der 1882 schon wusste, dass in Katalonien mehr steckt als Tapas und Touristen. Heute gehört das Gut zur HMG-Gruppe, bleibt aber stilistisch erfreulich eigenständig.
Was mir besonders gefällt: Trotz wachsendem Export (der Goulart-Cava hat’s bis nach Japan geschafft!) bleibt das Haus bodenständig. Hier zählt nicht nur die Performance im Glas, sondern auch das ehrliche Handwerk. Kein Marketing-Glamour, keine künstlichen Geschichten – sondern Stollen, Stahl und Stille.
Fazit: Kein Cava für zwischendurch – sondern einer zum Darüberreden
Mein Besuch bei Roger Goulart war kein spektakuläres Event mit Pyrotechnik oder Helikopteranflug. Aber genau das macht den Charme aus: Hier geht es nicht um Inszenierung, sondern um Handwerk mit Haltung. Der Cava überzeugt nicht durch Lautstärke, sondern durch Tiefe – aromatisch wie architektonisch.
Wer also das nächste Mal auf „etwas mit Bubbles“ Lust hat, dem empfehle ich: Cava – aber bitte mit Charakter. Und bitte aus Sant Esteve.
Verkostungstipp zum Mitnehmen:
Roger Goulart Brut Nature 2021 – der Purist: null Dosage, null Allüren, viel Terroir
Roger Goulart Brut Rosé Millésime 2022 – der Charmeur: beerig, frisch, animierend
Roger Goulart Gran Reserva Josep Valls 2020 – der Denker: komplex, cremig, lang
P.S.:
Und wer wissen will, wie es im unterirdischen Weinkeller wirklich riecht, dem sei gesagt: ein bisschen nach Geschichte, ein bisschen nach Kalk – und sehr nach Erwartung.
Artikel: Korken, Keller, Katalonien – Auf Sprudelreise bei Roger Goulart
Quelle: https://blog.inbarrique.de/35